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Buchcover: Faserland von Christian Kracht

Cover: © Fischer Taschenbuch

Gegenwartsliteratur · 1995

Faserland

Christian Kracht

Das meistunterschätzte Buch der Neunziger: klingt nach Schnösel-Prosa über Markenklamotten und ist in Wahrheit eines der traurigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur.

Für wen?

Für alle, die wissen wollen, wo deutsche Popliteratur anfing, und für alle, die je auf einer Party standen und sich plötzlich von außen gesehen haben. Wer einen sympathischen Erzähler braucht, wird diesen hier hassen; genau das ist der Punkt.

Die Rezension

Ein junger Mann mit zu viel Geld und einer Barbourjacke reist von Sylt Richtung Süden, von Party zu Party, und erzählt davon in einem Ton, der 1995 viele Kritiker auf die Palme brachte. Martin Halter schrieb im Zürcher Tages-Anzeiger, da schreibe „ein widerlich arroganter Schnösel". Gemeint war der Autor. Genau das ist der Denkfehler: Der Schnösel ist die Figur, und sie ist mit voller Absicht so gebaut.

Denn unter dem Markengeklingel, rund siebzig verschiedene Marken hat ein Germanist tatsächlich gezählt, liegt eine Leere, die immer lauter wird, je länger man liest. Der Erzähler schaut auf alles und kann nichts festhalten; niemand bleibt, nichts trägt. Und das Buch tut nie so, als wüsste es mehr als er. Genau diese Verweigerung von Tiefe ist die Tiefe: „Faserland" handelt von Leuten, denen man Haltung beigebracht hat, aber kein Innenleben.

Heute gilt der Roman als Gründungstext der deutschen Popliteratur und stand 2013 in Niedersachsen als Abitur-Pflichtlektüre auf dem Lehrplan. Eine schönere Rache an den Verrissen von damals gibt es nicht.

Man liest das schmale Buch in einem Abend, und der Schluss in Zürich gehört zu den Enden, über die man Jahre später noch nachdenkt. Wer danach mehr will: „Eurotrash" (2021) nimmt den Faden nach einem Vierteljahrhundert wieder auf.

Verlag
Fischer Taschenbuch
ISBN
978-3-596-18532-0
Erstausgabe
1995
Seiten
176
Genre
Gegenwartsliteratur

Von der Ratte · Rezensiert am

Häufige Fragen

Wie lange braucht man für „Faserland"?
Das Fischer-Taschenbuch hat 176 Seiten. Wer am Stück liest, ist an einem langen Abend durch.
Muss ich „Eurotrash" kennen, um „Faserland" zu verstehen?
Nein, eher umgekehrt. „Faserland" erschien 1995 und steht für sich; „Eurotrash" von 2021 knüpft ausdrücklich daran an. Wer beide liest, fängt hier an.
Ist „Faserland" schwer zu lesen?
Sprachlich nicht, die Sätze sind einfach und schnell. Schwer auszuhalten ist der Erzähler, und das ist Absicht.
Warum war das Buch 1995 so umstritten?
Viele Kritiker lasen den Ich-Erzähler als Bekenntnis des Autors. Martin Halter schrieb im Zürcher Tages-Anzeiger, da schreibe „ein widerlich arroganter Schnösel". Heute gilt der Roman als Gründungstext der deutschen Popliteratur und stand 2013 in Niedersachsen auf der Abiturliste.