
Cover: © Kiepenheuer & Witsch
Ein Buch, das seinen Ruf einer Handvoll Seiten verdankt und seine Größe den langweiligen dazwischen.
Für wen?
Für alle, die den Film kennen und die Sache damit für erledigt halten: Der Roman ist kälter, viel länger und ungleich unangenehmer. Wer explizite Gewaltdarstellung nicht erträgt oder eine Erzählstimme braucht, der man folgen mag, sollte die Finger lassen.
Die Rezension
Die Empörung ist älter als die meisten Leser. Simon & Schuster kündigte den Vertrag wenige Monate vor dem Termin und ließ den Vorschuss von 300.000 Dollar verfallen. Vintage kaufte die Rechte zwei Tage später und brachte das Buch 1991 als Taschenbuch heraus; ein US-Hardcover gab es nicht. Die Los-Angeles-Sektion der National Organization for Women hatte schon im Dezember 1990 zum Boykott des Random-House-Programms aufgerufen. In Deutschland stand der Roman ab Anfang 1995 auf dem Index, bis das Oberverwaltungsgericht Münster die Indizierung am 15. Februar 2001 auf Klage von Kiepenheuer & Witsch aufhob. Diese Vorgeschichte ist das Erste, was man über das Buch weiß, und das Schlechteste, was ihm passieren konnte.
Denn der Skandal lenkt von der eigentlichen Zumutung ab. Über weite Strecken ist dieses Buch Markenkunde: Anzüge, Restaurants, Visitenkarten, Stereoanlagen, dazu ganze Kapitel über Genesis, Huey Lewis und Whitney Houston, seitenlang, in einem Ton, der zwischen einem Mord und einer Hautpflegeroutine keinen Unterschied macht. Genau das ist die Konstruktion. Ellis lässt einen Erzähler sprechen, der nichts gewichtet, und überlässt die Arbeit dem Leser.
Das ermüdet, und zwar mit Absicht. Wer Spannung erwartet, wird betrogen. Wer Psychologie sucht, findet eine Leerstelle. Was bleibt, ist der Verdacht, dass hinter der Oberfläche, die dieser Erzähler beschreibt, nichts liegt als weitere Oberfläche.
Fünfunddreißig Jahre später ist der Schock verbraucht und die Satire gewachsen. Die Statussymbole haben gewechselt, das Prinzip nicht. Kein angenehmes Buch. Ein sehr genaues.
- Verlag
- Kiepenheuer & Witsch
- ISBN
- 978-3-462-03699-2
- Erstausgabe
- 1991
- Seiten
- 560
- Genre
- Gegenwartsliteratur
Von der Ratte · Rezensiert am
Häufige Fragen
- Lohnt sich „American Psycho“?
- Ja, aber nicht aus den Gründen, für die es berühmt ist. Der Reiz liegt in der Monotonie der Markenkataloge, nicht in den Gewaltszenen.
- Für wen ist „American Psycho“ geeignet?
- Für Hartgesottene und Vielleser. Wer explizite Gewaltdarstellung nicht erträgt oder eine Erzählstimme braucht, der man folgen mag, sollte die Finger lassen.
- War „American Psycho“ in Deutschland verboten?
- Verboten nicht, aber indiziert. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften setzte den Roman am 5. Januar 1995 auf die Liste; das Oberverwaltungsgericht Münster hob die Indizierung am 15. Februar 2001 auf Klage des Verlags Kiepenheuer & Witsch wieder auf.
- Warum wäre das Buch fast nicht erschienen?
- Simon & Schuster kündigte den Vertrag wenige Monate vor dem geplanten Termin und ließ den Vorschuss von 300.000 Dollar verfallen. Vintage kaufte die Rechte zwei Tage später und brachte 1991 eine Taschenbuch-Originalausgabe heraus.
- Ist der Film so wie das Buch?
- Nein. Die Verfilmung von 2000 unter der Regie von Mary Harron, mit Christian Bale in der Hauptrolle, dauert 102 Minuten und ist deutlich pointierter. Der Roman ist länger, kälter und arbeitet mit Wiederholung statt mit Tempo.
- Wie viele Seiten hat „American Psycho“?
- 560 Seiten in der deutschen Taschenbuchausgabe von Kiepenheuer & Witsch.
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