
Cover: © Ullstein
Der genaueste Bericht über Trauer, den es gibt — geschrieben von einer Reporterin, die sich weigert, dabei zu weinen.
Für wen?
Für alle, die einen Menschen verloren haben und mit Trostbüchern nichts anfangen können. Wer Wärme, Erlösung oder ein tröstliches Ende sucht, ist hier falsch: Didion bietet nur Präzision — und die trifft härter.
Die Rezension
Ende Dezember 2003 stirbt Joan Didions Mann, der Autor John Gregory Dunne, am Abendbrottisch. Auf der Intensivstation liegt gleichzeitig die Tochter im Koma. Didion, damals 69 und seit den Fünfzigern Reporterin, tut das Einzige, was sie kann: Sie recherchiert die eigene Trauer.
Das macht dieses Buch anders als alles im Regal „Trost“. Hier wird nicht geklagt, hier wird protokolliert. Didion liest Fachliteratur zur Trauer, prüft medizinische Unterlagen, kontrolliert Zeitangaben, korrigiert sich selbst. Und mitten in dieser kühlen Beweisführung steht das magische Denken, das dem Buch den Titel gibt: Sie kann die Schuhe des Toten nicht weggeben — er wird sie brauchen, wenn er zurückkommt. Sie weiß, dass das Unsinn ist. Sie denkt es trotzdem.
Der Ton trägt alles. Kurze Sätze, Wiederholungen wie Zwangsgedanken, kein Gramm Selbstmitleid. Das Buch bekam 2005 den National Book Award, und man versteht sofort, warum: Es behauptet nichts, es zeigt.
Zwischen Fertigstellung und Erscheinen starb auch die Tochter, mit 39. Didion schrieb das Manuskript nicht um — sie schrieb Jahre später ein zweites Buch, „Blaue Stunden“. Wer wissen will, was Verlust mit einem Kopf anstellt, der sich fürs Denken zuständig hält, findet hier den Maßstab.
- Verlag
- Ullstein
- ISBN
- 978-3-548-06558-8
- Erstausgabe
- 2005
- Seiten
- 256
- Genre
- Essay
Von der Ratte · Rezensiert am
Häufige Fragen
- Lohnt sich „Das Jahr magischen Denkens“?
- Ja, es ist der genaueste Bericht über Trauer, den es gibt. Kein Trostbuch: Didion bietet Präzision, und die trifft härter.
- Für wen ist das Buch geeignet?
- Für alle, die einen Menschen verloren haben und mit Trostbüchern nichts anfangen können. Wer Wärme und Erlösung sucht, ist hier falsch.
- Worum geht es in „Das Jahr magischen Denkens“?
- Ende Dezember 2003 stirbt Didions Mann am Abendbrottisch, während die Tochter im Koma liegt. Didion tut das Einzige, was sie kann: Sie recherchiert die eigene Trauer.
- Hat das Buch einen Preis gewonnen?
- Ja, den National Book Award 2005.
Passt dazu

Arbeit und Struktur
Wolfgang Herrndorf
Das Klarste, was je ein Sterbender geschrieben hat — und gegen jede Erwartung eines der lebendigsten Bücher überhaupt.

Rückkehr nach Reims
Didier Eribon
Das Buch, das der Klassenfrage ihre Sprache zurückgegeben hat — halb Memoir, halb Soziologie, und als Selbstabrechnung gnadenloser als beides.

King Kong Theorie
Virginie Despentes
Das wütendste feministische Buch der letzten zwanzig Jahre: 160 Seiten Punk statt Theorieseminar, und fast jeder Satz sitzt.