Seitenhieb
← Startseite
Buchcover: Rückkehr nach Reims von Didier Eribon

Cover: © Suhrkamp

Essay · 2009

Rückkehr nach Reims

Didier Eribon

Das Buch, das der Klassenfrage ihre Sprache zurückgegeben hat — halb Memoir, halb Soziologie, und als Selbstabrechnung gnadenloser als beides.

Für wen?

Für alle, die bei Ernaux und Louis gespürt haben, dass da mehr ist als Familiengeschichte — hier steht das Denkgerüst dahinter. Wer eine durcherzählte Geschichte will, wird über Theoriepassagen stolpern; wer beim Lesen denken will, bekommt eines der wichtigsten Bücher der letzten zwanzig Jahre.

Anzeige · Amazon-Partnerlink

Bei Amazon ansehen →

Die Rezension

Nach dem Tod des Vaters fährt Didier Eribon zurück nach Reims, in die Arbeiterwelt, aus der er sich nach Paris davongemacht hatte. Aus dem Besuch wird keine Familiengeschichte, sondern eine Selbstbefragung mit soziologischem Besteck: Warum konnte er öffentlich über die Scham schreiben, schwul zu sein — aber nie über die Scham, von unten zu kommen?

Das ist der Kniff des Buches. Eribon, Soziologe und Foucault-Biograf, behandelt sich selbst als Fall. Jede Erinnerung wird zum Beweisstück dafür, wie Herkunft sortiert: wer studiert, wer schuftet, wer wo sitzt und wer dafür den Mund hält. Man liest das und sieht die eigene Sortierung gleich mit.

Politisch ist das Buch Sprengstoff. Eribons Milieu wählte früher kommunistisch, heute weit rechts — und seine Erklärung, eine Linke, die über alles redet außer über Klasse, habe diese Leute verloren, machte den Text nach 2016 europaweit zum Debattenstoff. Thomas Ostermeier brachte ihn an die Schaubühne.

Ist es elegant geschrieben? Nein. Eribon doziert manchmal, wiederholt sich, und wo Ernaux ein Skalpell führt, schiebt er einen Seminarapparat vor sich her. Aber genau deshalb funktioniert das Doppel: Sie zeigt die Wunde, er erklärt das Messer. Lies beide.

Anzeige · Amazon-Partnerlink

Bei Amazon ansehen →
Verlag
Suhrkamp
ISBN
978-3-518-47313-9
Erstausgabe
2009
Genre
Essay