
Cover: © Piper
Das seltene Buch, das Armut und Sucht weder ausstellt noch wegtröstet, sondern einen mittendrin wohnen lässt.
Für wen?
Für alle, die bei Ernaux, Eribon und Louis gelernt haben, was Klasse bedeutet, und jetzt wissen wollen, wie sie sich anfühlt, wenn niemand sie analysiert. Wer gerade selbst die Sucht eines Angehörigen trägt, sollte sich den Zeitpunkt für dieses Buch bewusst aussuchen.
Die Rezension
Glasgow in den Achtzigern: Die Zechen schließen, die Männer verschwinden, und mitten in diesem Grau steht eine Frau, die schöner und stolzer ist als alles um sie herum — und trinkt. Erzählt wird sie aus der Nähe eines Sohnes, der sie bedingungslos liebt. Mehr Anlage braucht das Buch nicht, und mehr sollte man vorher auch nicht wissen.
Was es davon abhält, Elendskitsch zu werden, ist der Blick. Stuart erklärt die Sucht nicht, er verurteilt sie nicht, er lässt sie Wetter sein: Man lernt wie Shuggie, den Himmel zu lesen. Gleichzeitig gönnt er seinen Figuren eine Würde, die Sozialreportagen ihnen selten lassen — Agnes' Lippenstift ist hier keine Ironie, sondern eine Haltung.
Man merkt dem Roman ab, dass jemand ihn schreiben musste: Stuart hat selbst als Kind einer alkoholkranken Mutter in Glasgow gelebt, hat das Manuskript über zehn Jahre neben einem Vollzeitjob geschrieben und mehr als 30 Absagen kassiert, bevor es 2020 den Booker Prize gewann. Diese lange Reibung spürt man in jedem Kapitel.
Es ist das traurigste Buch in diesem Regal und zugleich das liebevollste. Dass beides gleichzeitig geht, ist der Hieb.
- Verlag
- Piper
- ISBN
- 978-3-492-31792-4
- Erstausgabe
- 2020
- Seiten
- 496
- Genre
- Gegenwartsliteratur
Von der Ratte · Rezensiert am
Häufige Fragen
- Lohnt sich „Shuggie Bain“?
- Ja. Es ist das traurigste Buch in diesem Regal und zugleich das liebevollste; dass beides gleichzeitig geht, ist der Hieb.
- Für wen ist „Shuggie Bain“ geeignet?
- Für alle, die bei Ernaux, Eribon und Louis gelernt haben, was Klasse bedeutet. Wer gerade selbst die Sucht eines Angehörigen trägt, sollte sich den Zeitpunkt bewusst aussuchen.
- Ist „Shuggie Bain“ autobiografisch?
- Es ist ein Roman, aber Stuart ist selbst als Kind einer alkoholkranken Mutter in Glasgow aufgewachsen. Am Manuskript schrieb er über zehn Jahre neben einem Vollzeitjob.
- Hat „Shuggie Bain“ einen Preis gewonnen?
- Ja, den Booker Prize 2020, nach mehr als 30 Absagen von Verlagen.
- Wie viele Seiten hat „Shuggie Bain“?
- 496 Seiten in der Piper-Taschenbuchausgabe.
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