
Cover: © Suhrkamp
Das deutsche Buch neben Ernaux, Eribon und Louis: Es erzählt den Aufstieg nicht als erledigte Sache, sondern als etwas, das im Körper weiterarbeitet.
Für wen?
Für alle, die als Erste in der Familie studiert haben und bis heute nicht wissen, wohin mit dem Gefühl, sich in beiden Welten falsch anzuziehen. Wer eine Aufsteigergeschichte mit Happy End erwartet oder eine klare Anklage gegen klare Schuldige, wird enttäuscht.
Die Rezension
Herkunft ist in der deutschen Gegenwartsliteratur ein gut besetztes Thema, und meistens klingt sie nach Bilanz: Ich kam von unten, es war hart, jetzt schreibe ich darüber. Deniz Ohde macht etwas Schwierigeres. Sie beschreibt, wie Klasse im Körper sitzt und dort bleibt, auch wenn die Papiere längst etwas anderes sagen.
Das Buch arbeitet mit dem Staub der Industrie, mit Sprache als Sortiermaschine, mit einer Schule, die aussiebt, ohne es Ausgrenzung zu nennen. Die Abwertung ist selten laut und fast immer beiläufig, und genau das macht sie so schwer zu greifen: Es gibt kaum jemanden, an dem man sich abarbeiten könnte, dafür ein System, das leise funktioniert.
Der Preis dafür ist eine gewisse Kühle. Wer Wärme sucht oder Tempo, wird mit diesem Ton nicht warm. Wer aber je gespürt hat, dass ein Zeugnis das Gefühl nicht abschafft, nicht dazuzugehören, liest hier die präziseste deutsche Beschreibung davon.
Ein Debüt, das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und den aspekte-Literaturpreis gewann. Die ZEIT nannte es das deutsche Pendant zu Eribon, Louis und Ernaux. Der Vergleich hält.
- Verlag
- Suhrkamp
- ISBN
- 978-3-518-47174-6
- Erstausgabe
- 2020
- Seiten
- 284
- Genre
- Gegenwartsliteratur
Von der Ratte · Rezensiert am
Häufige Fragen
- Hat „Streulicht" den Deutschen Buchpreis gewonnen?
- Nein. Der Roman stand 2020 auf der Shortlist, gewonnen hat Anne Weber mit „Annette, ein Heldinnenepos". „Streulicht" bekam im selben Jahr den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt und den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung.
- Wie lange braucht man für das Buch?
- 284 Seiten. Die Seitenzahl sagt hier wenig: Der Ton ist dicht, und man liest langsamer, als man vorhat.
- Gibt es weitere Bücher von Deniz Ohde?
- Ja, 2024 erschien ihr zweiter Roman „Ich stelle mich schlafend", ebenfalls bei Suhrkamp.
- Für wen ist „Streulicht" nichts?
- Für alle, die eine Aufstiegsgeschichte mit Happy End erwarten oder klare Schuldige zum Abarbeiten. Das Buch liefert beides nicht.
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