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Buchcover: Sie kam aus Mariupol von Natascha Wodin

Cover: © Rowohlt Taschenbuch

Gegenwartsliteratur · 2017

Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin

Eine Tochter sucht ihre Mutter in den Akten und findet dabei ein Kapitel europäischer Geschichte, das kaum jemand erzählt hat.

Für wen?

Für alle, die in ihrer Familie eine Leerstelle haben, über die niemand spricht. Wer ein warmes Erinnerungsbuch erwartet, in dem am Ende jemand Frieden schließt, liegt falsch: Hier bleibt der Boden hart.

Die Rezension

Wodins Mutter verließ Mariupol 1943, kam 1944 als Zwangsarbeiterin nach Leipzig und nahm sich mit 36 Jahren das Leben. Mehr wusste die Tochter jahrzehntelang nicht. Aus dieser Leerstelle heraus ist das Buch geschrieben — begonnen mit dem Namen der Mutter in einer russischen Suchmaschine, „nicht viel mehr als eine Spielerei", wie Wodin selbst schreibt. Dann gaben die Datenbanken etwas her.

Das Verblüffende ist, wie unsentimental das bleibt. Wodin schreibt nicht über ihre Trauer, sondern über Verwaltungsvorgänge, Namenslisten, Familienzweige — und genau dadurch wird spürbar, was zerstört wurde. Wo die Quellen aufhören, sagt sie das. Sie lässt sogar offen, ob die Mutter verschleppt wurde oder selbst ging. Diese Ehrlichkeit über die eigenen Grenzen erspart einem das Nachgedichtete, an dem Familienromane so oft scheitern.

Dass eine Rückkehr in die Sowjetunion Verdacht und Verfolgung bedeutet hätte, ist der bitterste Befund. Es gab kein Zurück und kein Ankommen. Das Buch erschien bewusst ohne Genrebezeichnung, und man versteht warum: Es changiert zwischen Recherche, Bericht und Erzählung, ohne sich für eine Bequemlichkeit zu entscheiden.

Seit 2022 liest man den Ortsnamen im Titel anders. Das Buch braucht diese Aktualität nicht, aber sie macht es unausweichlich.

Verlag
Rowohlt Taschenbuch
ISBN
978-3-499-29065-7
Erstausgabe
2017
Seiten
368
Genre
Gegenwartsliteratur

Von der Ratte · Rezensiert am

Häufige Fragen

Ist „Sie kam aus Mariupol" ein Roman?
Das Buch erschien bewusst ohne Genrebezeichnung. Es verbindet Recherche, Dokument und Erzählung; die Kritik nannte es einen Tatsachenbericht mit fiktionalen wie dokumentarischen Elementen.
Welche Preise hat das Buch bekommen?
Den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 (Belletristik) und den August-Graf-von-Platen-Preis 2017; das Manuskript erhielt bereits 2015 den Alfred-Döblin-Preis, 2019 kam der Hilde-Domin-Preis dazu.
Muss man das Buch wegen des Kriegs in der Ukraine lesen?
Nein. Es erschien 2017 und steht für sich. Der Ortsname liest sich seit 2022 anders, das Buch braucht diese Aktualität aber nicht.
Gibt es eine Fortsetzung?
Ja. „Irgendwo in diesem Dunkel" (2018) wendet sich dem Vater zu.