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Buchcover: Herkunft von Saša Stanišić

Cover: © btb

Gegenwartsliteratur · 2019

Herkunft

Saša Stanišić

Das einzige Buch im Herkunft-Regal, das dabei lacht — und der Beweis, dass Leichtigkeit kein Verrat an der Schwere ist.

Für wen?

Für alle, die Ernaux, Eribon und Louis gelesen haben und danach das Gefühl hatten, Herkunft dürfe nur wehtun. Wer strenge Beweisführung erwartet oder Kriegsliteratur, die den Krieg frontal aushält, wird die Verspieltheit als Ausweichen empfinden.

Die Rezension

Das deutsche Herkunft-Regal ist ein strenges Regal. Ernaux seziert, Eribon analysiert, Louis klagt an, Ohde kühlt ab. Und dann kommt einer und macht Witze.

Stanišić behandelt Herkunft nicht als Schicksal, das man freilegt, sondern als Material, das man erfindet. Wer aus einem Land kommt, das es nicht mehr gibt, hat ohnehin keine Urkunde vorzulegen; was bleibt, ist Erzählen. Das klingt nach Ausrede und ist hier Methode: Die Sprache, die ihm als Vierzehnjährigem fremd war, wird zum Werkzeug — und die Scham, mit der man eine Sprache lernt, ist in diesem Buch präsenter als jede Kriegsszene.

Dagegen steht die Großmutter, deren Gedächtnis geht. Das Buch verhandelt gegen die Uhr: Der Ort, an dem Herkunft gespeichert sein soll, löscht sich gerade.

Man muss aushalten, dass dieses Buch abbiegt. Es erzählt nicht chronologisch, es schlägt Haken, und es endet in einer Form, die man entweder als große Geste oder als Trick lesen wird — ein Spiel, in dem man selbst weitergeht. Wer Strenge sucht, wird das für Drückebergerei halten. Wer zulässt, dass Trauer und Komik dieselbe Bewegung sein können, liest das wärmste Buch dieses Regals.

Deutscher Buchpreis 2019. In der Dankesrede kritisierte Stanišić die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke und dessen Parteinahme für die serbische Seite in den Jugoslawienkriegen — der seltene Fall, dass die Haltung eines Buches den Saal verlässt.

Verlag
btb
ISBN
978-3-442-71970-9
Erstausgabe
2019
Seiten
368
Genre
Gegenwartsliteratur

Von der Ratte · Rezensiert am

Häufige Fragen

Lohnt sich „Herkunft“?
Ja, besonders als Gegenstimme. Es ist das einzige Buch im Herkunft-Regal, das mit Komik arbeitet, ohne dabei leichter zu werden.
Für wen ist „Herkunft“ geeignet?
Für alle, die Ernaux, Eribon und Louis gelesen haben und danach dachten, Herkunft dürfe nur wehtun. Wer strenge Beweisführung erwartet, wird die Verspieltheit als Ausweichen empfinden.
Ist „Herkunft“ autobiografisch?
Der Verlag führt es als Roman, autobiografisch geprägt ist es klar: Stanišić kam 1992 als Vierzehnjähriger aus Višegrad nach Heidelberg, Deutsch ist nicht seine erste Sprache.
Hat „Herkunft“ einen Preis gewonnen?
Den Deutschen Buchpreis 2019, dazu den Eichendorff-Literaturpreis und den Hans-Fallada-Preis 2020.
Warum endet das Buch so ungewöhnlich?
Der Schlussteil ist als Pen-&-Paper-Rollenspiel gebaut und wechselt in die zweite Person: Man liest nicht mehr nur mit, man entscheidet mit.
Wie viele Seiten hat „Herkunft“?
368 Seiten in der btb-Taschenbuchausgabe.