
Cover: © Suhrkamp
Das ehrlichste deutsche Buch über die Frage, wie aus normalen Kindern Mitläufer werden: langsam, schwer und jede einzelne Seite wert.
Für wen?
Für Leser, die Erinnerungsliteratur ernst meinen und für 637 Seiten die Konzentration mitbringen, die dieses Buch verlangt. Wer ein flottes Geschichtsdrama mit klaren Schuldigen sucht, ist hier falsch: Wolf macht es niemandem bequem, am allerwenigsten sich selbst.
Die Rezension
Eine Schriftstellerin fährt Anfang der Siebziger in ihre Geburtsstadt, die inzwischen in Polen liegt, und schaut dem Kind hinterher, das sie dort war. Das Kind bekommt einen anderen Namen und wird in der dritten Person erzählt; sich selbst redet die Erzählerin konsequent mit „du“ an. Das klingt verkopft, ist aber der ehrlichste Kunstgriff des Buches: Wolf traut dem eigenen Gedächtnis nicht über den Weg, und sie führt vor, warum man das nie sollte.
Denn genau darum geht es. Kein Buch über Täter, keines über Opfer, sondern eines über die breite Mitte, die mitgemacht hat: eine ganz gewöhnliche Kindheit, in der das Regime nicht als Schrecken auftritt, sondern als Zuhause. Wie viel davon in einem Menschen weiterlebt, der längst alles besser weiß, ist die eigentliche Frage, und Wolf stellt sie sich selbst, nicht den anderen.
Erschienen 1976 in der DDR, wurde das Buch in beiden deutschen Staaten heftig diskutiert und gilt heute als Klassiker der Erinnerungsliteratur. Leicht ist es nie: drei Zeitebenen, lange Sätze, keine Eile. Wer sich darauf einlässt, hat danach ein schärferes Misstrauen gegen jede Version der eigenen Vergangenheit. Es lohnt sich für genau diesen Effekt.
- Verlag
- Suhrkamp
- ISBN
- 978-3-518-45915-7
- Erstausgabe
- 1976
- Seiten
- 637
- Genre
- Klassiker
Von der Ratte · Rezensiert am
Häufige Fragen
- Lohnt sich „Kindheitsmuster“?
- Ja, wenn du die Konzentration mitbringst. Das ehrlichste deutsche Buch über die Frage, wie aus normalen Kindern Mitläufer werden; jede der 637 Seiten ist es wert.
- Für wen ist „Kindheitsmuster“ geeignet?
- Für Leser, die Erinnerungsliteratur ernst meinen. Wer ein flottes Geschichtsdrama mit klaren Schuldigen sucht, ist hier falsch: Wolf macht es niemandem bequem, am allerwenigsten sich selbst.
- Ist „Kindheitsmuster“ schwer zu lesen?
- Ja: drei Zeitebenen, lange Sätze, keine Eile. Der Lohn ist ein schärferes Misstrauen gegen jede Version der eigenen Vergangenheit.
- Wann erschien „Kindheitsmuster“?
- 1976 in der DDR. Das Buch wurde in beiden deutschen Staaten heftig diskutiert und gilt heute als Klassiker der Erinnerungsliteratur.
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