
Cover: © Rowohlt
Das eine Buch über Auschwitz, das man gelesen haben muss — gerade weil es sich jede Träne, jedes Pathos und jede Deutung verkneift.
Für wen?
Für Leser, die glauben, sie wüssten, wie Literatur über den Holocaust klingt — dieses Buch klingt anders, und genau das macht es unersetzlich. Wer emotionale Führung braucht, ein Buch, das einem sagt, was man fühlen soll, wird hier allein gelassen. Das ist Absicht, und es ist das Härteste daran.
Die Rezension
Ein fünfzehnjähriger Junge aus Budapest wird deportiert — und erzählt davon, als berichte er von einem seltsamen Schuljahr. Höflich, genau, um Verständnis bemüht. Das Wort, das alles trägt, heißt „natürlich“: Natürlich stellt man sich an, natürlich gewöhnt man sich, natürlich findet sich für jeden Schritt ein einleuchtender Grund.
Genau darin liegt die Zumutung. Kertész verweigert den Rückblick: Sein Erzähler weiß nichts von dem, was jeder Leser weiß, er ordnet nicht ein, er klagt nicht an. Man sieht dem Ungeheuerlichen dabei zu, wie es Schritt für Schritt zur Normalität wird — und begreift, dass es genau so funktioniert hat. Das hält man schwerer aus als jede drastische Schilderung.
Kertész wusste, wovon er schrieb: 1944 wurde er selbst als Vierzehnjähriger nach Auschwitz und Buchenwald deportiert. An diesem Roman arbeitete er über ein Jahrzehnt; in Ungarn erschien er 1975 und blieb zunächst nahezu unbeachtet. Der Weltruhm kam Jahrzehnte später, 2002 der Nobelpreis — die schönste Spätrache der Literaturgeschichte.
Die Sprache ist klar, das Buch nicht dick. Schwierig ist hier nichts außer dem, was es mit einem macht. Man liest langsam, legt es öfter weg, liest weiter. Und redet danach anders über das Thema — nämlich vorsichtiger.
- Verlag
- Rowohlt
- ISBN
- 978-3-499-22576-5
- Erstausgabe
- 1975
- Seiten
- 288
- Genre
- Klassiker
Von der Ratte · Rezensiert am
Häufige Fragen
- Lohnt sich „Roman eines Schicksallosen“?
- Ja. Es ist das eine Buch über Auschwitz, das man gelesen haben muss, gerade weil es sich jede Träne, jedes Pathos und jede Deutung verkneift.
- Für wen ist das Buch geeignet?
- Für Leser, die glauben, sie wüssten, wie Literatur über den Holocaust klingt; dieses Buch klingt anders. Wer emotionale Führung braucht, wird hier allein gelassen. Das ist Absicht.
- Ist der Roman autobiografisch?
- Kertész wurde 1944 selbst als Vierzehnjähriger nach Auschwitz und Buchenwald deportiert. An diesem Roman arbeitete er über ein Jahrzehnt; in Ungarn erschien er 1975.
- Hat Imre Kertész den Nobelpreis bekommen?
- Ja, 2002. In Ungarn war der Roman zunächst nahezu unbeachtet geblieben; der Weltruhm kam Jahrzehnte später.
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