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Buchcover: Der große Augenblick von Clarice Lispector

Cover: © Schöffling & Co.

Klassiker · 1977

Der große Augenblick

Clarice Lispector

125 Seiten über eine arme Schreibkraft in Rio, und nebenbei die klügste Antwort auf die Frage, wer über Arme überhaupt erzählen darf.

Für wen?

Wenn du die Herkunfts- und Klasse-Bücher hier im Regal magst, ist das die Gegenprobe: Diesmal erzählt nicht der Aufgestiegene von unten, sondern ein Bürgerlicher müht sich an einer Fremden ab, und genau dieses Mühen steht mit im Buch. Wer einen Erzähler nicht erträgt, der sich ständig einmischt, zögert und korrigiert, wird hier verzweifeln.

Die Rezension

Ein Schriftsteller will die Geschichte einer jungen Frau erzählen, die aus dem armen Nordosten Brasiliens nach Rio gekommen ist und sich dort als Schreibkraft durchschlägt. Er schafft es kaum. Er zögert, schweift ab, entschuldigt sich, setzt neu an. Das ist kein Kunstfehler, das ist das Buch: Der Umweg ist die Geschichte.

Denn Lispector zeigt beides zugleich. Ein Leben, das so wenig Raum einnimmt, dass es kaum eine Geschichte hergibt. Und einen Erzähler, dem beim Erzählen das eigene Mitleid verdächtig wird, weil über Armut schreiben immer auch heißt: von oben herabschauen. Kaum ein Buch macht diese Schieflage so sichtbar, und keines, das ich kenne, macht sie so komisch und so traurig im selben Satz.

Es war ihr letztes Buch, erschienen 1977, kurz vor ihrem Tod. Auf Deutsch gibt es den kurzen Roman in der Übersetzung von Luis Ruby unter dem Titel „Der große Augenblick“, und die lohnt sich: Die Sätze sind so schlicht wie sonderbar, man liest viele zweimal, freiwillig.

Ein Abend reicht für dieses Buch. Es reicht nur nicht, um es wieder loszuwerden. Die Frage, mit welchem Recht man auf andere Leben herabschaut, stellt es nämlich nicht nur dem Erzähler.

Verlag
Schöffling & Co.
ISBN
978-3-89561-623-5
Erstausgabe
1977
Seiten
125
Genre
Klassiker

Von der Ratte · Rezensiert am

Häufige Fragen

Lohnt sich „Der große Augenblick“?
Ja: 125 Seiten über eine arme Schreibkraft in Rio, und nebenbei die klügste Antwort auf die Frage, wer über Arme überhaupt erzählen darf. Ein Abend reicht; um es wieder loszuwerden, reicht er nicht.
Für wen ist das Buch geeignet?
Für alle, die die Herkunfts- und Klasse-Bücher mögen und die Gegenprobe wollen. Wer einen Erzähler nicht erträgt, der sich ständig einmischt, zögert und korrigiert, wird hier verzweifeln.
Worum geht es in „Der große Augenblick“?
Ein Schriftsteller versucht, die Geschichte einer jungen Frau aus dem armen Nordosten Brasiliens zu erzählen, die sich in Rio als Schreibkraft durchschlägt. Er schafft es kaum; der Umweg ist die Geschichte.
Ist das Lispectors letztes Buch?
Es ist ihr letzter zu Lebzeiten erschienener Roman, herausgekommen 1977, kurz vor ihrem Tod. Auf Deutsch gibt es den kurzen Roman in der Übersetzung von Luis Ruby; man liest viele Sätze freiwillig zweimal.