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Buchcover: Kindheit von Tove Ditlevsen

Cover: © Aufbau

Klassiker · 1967

Kindheit

Tove Ditlevsen

Ein schmales Buch von 1967, das klarer, härter und moderner erzählt als das meiste, was heute als Autofiktion gefeiert wird.

Für wen?

Für alle, die Annie Ernaux oder Édouard Louis mochten und wissen wollen, wo diese Literatur herkommt. Wer eine tröstliche Kindheitserinnerung sucht, sollte die Finger davon lassen — Ditlevsen ist zärtlich, aber sie lügt nicht.

Die Rezension

Kopenhagen, Vesterbro, die zwanziger Jahre: eine Arbeitergegend, eine enge Wohnung, eine Mutter, an die kein Herankommen ist, ein Mädchen, das heimlich Gedichte schreibt. Aus diesem Material gießen andere ganze Sozialromane. Ditlevsen braucht knapp 120 Seiten.

Das Erstaunlichste ist der Ton. Kein Selbstmitleid, keine Anklage, kein nachträgliches Weichzeichnen — sie sieht auf das Kind, das sie war, wie auf eine fremde Person, deren Lage sie mit unheimlicher Präzision protokolliert. Die Kindheit, schreibt sie, sei lang und schmal wie ein Sarg, aus dem man ohne Hilfe nicht herauskommt. Solche Sätze stehen einfach da; das Buch schielt nie nach Wirkung, und genau deshalb sitzt jeder Treffer.

Erschienen 1967, hierzulande erst 2021 in der Neuübersetzung von Ursel Allenstein wirklich angekommen — als halb Europa Ernaux las und merkte: Eine Dänin hat dasselbe Projekt Jahrzehnte früher durchgezogen. Kürzer, trockener, mit einem Witz, der einem im Hals stecken bleibt.

„Kindheit" ist der erste Band einer Trilogie, und er wirkt wie eine Falle: Man liest ihn an einem Abend und bestellt die beiden anderen noch in derselben Nacht. Eine ehrlichere Empfehlung gibt es nicht.

Verlag
Aufbau
ISBN
978-3-7466-3992-5
Erstausgabe
1967
Genre
Klassiker

Von der Ratte · Rezensiert am

Häufige Fragen

Lohnt sich „Kindheit“ von Tove Ditlevsen?
Ja. Ein schmales Buch von 1967, das klarer, härter und moderner erzählt als das meiste, was heute als Autofiktion gefeiert wird. Man liest es an einem Abend.
Für wen ist „Kindheit“ geeignet?
Für alle, die Annie Ernaux oder Édouard Louis mochten und wissen wollen, wo diese Literatur herkommt. Wer eine tröstliche Kindheitserinnerung sucht, sollte die Finger davon lassen.
Muss man die ganze Trilogie lesen?
„Kindheit“ ist der erste Band einer Trilogie und wirkt wie eine Falle: Man liest ihn an einem Abend und bestellt die beiden anderen noch in derselben Nacht.
Warum wurde das Buch erst so spät entdeckt?
Hierzulande kam es erst 2021 mit der Neuübersetzung von Ursel Allenstein wirklich an, als halb Europa Ernaux las und merkte: Eine Dänin hat dasselbe Projekt Jahrzehnte früher durchgezogen.