
Cover: © Diogenes
Der deutsche Underground-Roman, an dem sich der Literaturbetrieb blamiert hat — und der ihn überlebt hat.
Für wen?
Für alle, die Bukowski mögen und irgendwann merken, dass darin kein Deutschland vorkommt. Wer Drogenprosa mit Läuterungsbogen erwartet oder wenigstens einen Helden zum Mögen, sucht hier vergeblich: Fauser schuldet niemandem ein gutes Ende.
Die Rezension
1984, im Jahr von „Rohstoff“, sitzt Jörg Fauser beim Bachmannpreis in Klagenfurt und liest — eine Erzählung, nicht dieses Buch. Die Jury zerlegt ihn, Marcel Reich-Ranicki befindet, dieser Autor habe dort nichts verloren. In einem Punkt hatte sie recht: Dahin gehörte Fauser tatsächlich nicht. Er gehört woandershin — in die Regale, in denen bis heute jemand nachsieht.
Der Stoff: Opium in Istanbul, Kommune in Berlin, besetzte Häuser in Frankfurt, und mittendrin ein Alter Ego namens Harry Gelb, das Schriftsteller werden will und dabei fast draufgeht. Das könnte die übliche Drogenromantik sein und ist ihr genaues Gegenteil. Fauser erzählt Sucht als Arbeitsverhinderung: Der Rausch ist nicht das Abenteuer, er ist das, was dem Schreiben im Weg steht.
Der Ton ist das Ereignis. Kurze Sätze, harte Schnitte, an den Amerikanern geschult, kein Gramm Betroffenheitsdeutsch. Fauser urteilt nicht über sich, er protokolliert — auch die Peinlichkeiten, auch die Selbsttäuschungen der eigenen Szene. Genau das macht das Buch unbequem: Es lässt weder die Junkies noch die 68er noch den Betrieb davonkommen.
Drei Jahre nach Erscheinen war Fauser tot. Der Ruhm kam später. Er kam trotzdem.
- Verlag
- Diogenes
- ISBN
- 978-3-257-23922-5
- Erstausgabe
- 1984
- Seiten
- 336
- Genre
- Klassiker
Von der Ratte · Rezensiert am
Häufige Fragen
- Lohnt sich „Rohstoff“ von Jörg Fauser?
- Ja. Der deutsche Underground-Roman, an dem sich der Literaturbetrieb blamiert hat und der ihn überlebt hat.
- Für wen ist „Rohstoff“ geeignet?
- Für alle, die Bukowski mögen und irgendwann merken, dass darin kein Deutschland vorkommt. Wer Drogenprosa mit Läuterungsbogen erwartet, sucht hier vergeblich.
- Ist „Rohstoff“ autobiografisch?
- Fausers Alter Ego Harry Gelb durchlebt Stationen aus Fausers eigenem Leben: Opium in Istanbul, Kommune in Berlin, besetzte Häuser in Frankfurt. Erzählt wird Sucht als Arbeitsverhinderung, nicht als Abenteuer.
- Was war beim Bachmannpreis 1984?
- Fauser las in Klagenfurt, die Jury zerlegte ihn; Marcel Reich-Ranicki befand, dieser Autor habe dort nichts verloren. Drei Jahre später war Fauser tot. Der Ruhm kam trotzdem.
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