
Cover: © Suhrkamp
Ein Leben, ein Aufstieg, ein leiser Verrat — seziert auf knapp hundert Seiten, ohne eine einzige sentimentale Zeile.
Für wen?
Für alle, die aus einer anderen Welt kommen als ihre Eltern — und für alle, die verstehen wollen, was Klasse mit Menschen macht. Wer von einem Nobelpreis-Buch Feierlichkeit erwartet, wird überrascht: Das hier ist so unfeierlich wie ein Werkzeug. Und so präzise.
Die Rezension
Annie Ernaux schreibt über ihren Vater: Arbeiter, später kleiner Krämer in der Normandie, ein Mann, der es zu etwas gebracht hat und doch sein Leben lang Angst hatte, sich zu blamieren. Und sie schreibt über die Distanz, die entsteht, wenn die Tochter durch Bildung in eine Welt aufsteigt, in der der Vater ein Fremder bleibt.
Das Besondere ist, wie sie das tut. Ernaux verweigert sich jedem Roman-Trick: keine Dramaturgie, keine schönen Bilder, keine Rührung. Sie schreibt bewusst flach und distanziert — als würde sie Beweisstücke ordnen statt Erinnerungen. Klingt kalt? Ist das Gegenteil. Weil nichts weichgezeichnet wird, trifft alles.
Wer will, kann hier das ganze Thema Klassismus verstehen, lange bevor das Wort Konjunktur hatte — das Buch erschien 1983. Die doppelte Scham: sich der Herkunft zu schämen und sich für diese Scham zu schämen. Ernaux hat dafür die endgültige Form gefunden.
2022 kam der Literaturnobelpreis. Verdient. Aber lies das Buch nicht deshalb — lies es, weil es dich in zwei Stunden klüger über dein eigenes Leben macht.
- Verlag
- Suhrkamp
- ISBN
- 978-3-518-22509-7
- Erstausgabe
- 1983
- Genre
- Autofiktion
Von der Ratte · Rezensiert am
Häufige Fragen
- Lohnt sich „Der Platz“ von Annie Ernaux?
- Ja. Ein Leben, ein Aufstieg, ein leiser Verrat auf knapp hundert Seiten, ohne eine einzige sentimentale Zeile. Es macht dich in zwei Stunden klüger über dein eigenes Leben.
- Für wen ist „Der Platz“ geeignet?
- Für alle, die aus einer anderen Welt kommen als ihre Eltern, und für alle, die verstehen wollen, was Klasse mit Menschen macht. Als Einstieg in Ernaux gut geeignet.
- Hat Annie Ernaux den Nobelpreis bekommen?
- Ja, 2022 bekam sie den Literaturnobelpreis. „Der Platz“ erschien 1983 und hat für das Thema der doppelten Scham die endgültige Form gefunden.
- Worum geht es in „Der Platz“?
- Ernaux schreibt über ihren Vater, Arbeiter und später kleiner Krämer in der Normandie, und über die Distanz, die entsteht, wenn die Tochter durch Bildung in eine andere Welt aufsteigt.
Steht auf der Liste
Passt dazu

Das Ende von Eddy
Édouard Louis
Gewalt, Armut, Scham — erzählt von einem, der da rausgekommen ist und nichts vergessen hat. Wuchtig, wütend, politisch.

Rückkehr nach Reims
Didier Eribon
Das Buch, das der Klassenfrage ihre Sprache zurückgegeben hat — halb Memoir, halb Soziologie, und als Selbstabrechnung gnadenloser als beides.

Streulicht
Deniz Ohde
Das deutsche Buch neben Ernaux, Eribon und Louis: Es erzählt den Aufstieg nicht als erledigte Sache, sondern als etwas, das im Körper weiterarbeitet.