
Cover: © Suhrkamp
Der berühmteste Roman über eine Depression ist in Wahrheit ein bitterböses, glasklares Buch über eine Welt, die einer begabten jungen Frau genau eine Zukunft anbietet — und sich dann wundert.
Für wen?
Für alle, die wissen wollen, warum dieses Buch seit über sechzig Jahren von Hand zu Hand gereicht wird, und für alle, die eine Erzählstimme suchen, die keinen einzigen falschen Ton hat. Wer Trost oder ein Wohlfühlbuch erwartet, sollte die Finger davon lassen — getröstet wird hier niemand, gesehen dafür umso mehr.
Die Rezension
New York, ein Sommer, ein Praktikum bei einer Modezeitschrift: Esther Greenwood hat alles erreicht, was man einer jungen Frau ihrer Zeit als Traum verkauft — und steht mittendrin und spürt: nichts. Von diesem Nichts erzählt das Buch, und wie es sich langsam über alles legt, wie eine Glasglocke eben.
Das Erstaunliche ist der Ton. Wer die „Glasglocke“ nur als Traurigkeits-Ikone kennt, als ewiges Zitat auf Postkarten und in Feuilletons, hat das Buch nicht gelesen: Esther erzählt trocken, böse und stellenweise richtig komisch. Gerade die Neuübersetzung von Reinhard Kaiser holt diesen bissigen Witz heraus, der unter dem Mythos verschüttet war. Die Sätze sind so klar, dass es wehtut — nichts jammert hier, alles beobachtet.
Und der Mythos ist gewaltig: Der Roman erschien im Januar 1963 unter Pseudonym, wenige Wochen später nahm sich Sylvia Plath das Leben. Ihre Legende hat das Buch fast verschluckt. Lies es trotzdem als das, was es ist — kein Dokument, sondern ein Roman von enormer Präzision, der den Abstand zwischen Fassade und Innenleben vermisst wie kaum ein zweiter.
Über sechzig Jahre alt, kein bisschen museal. Die Glasglocke gibt es noch, sie hat nur neue Formen. Deshalb trifft das Buch immer noch.
- Verlag
- Suhrkamp
- ISBN
- 978-3-518-45676-7
- Erstausgabe
- 1963
- Genre
- Klassiker
Von der Ratte · Rezensiert am
Häufige Fragen
- Lohnt sich „Die Glasglocke“?
- Ja. Kein Trostbuch, sondern ein bitterböses, glasklares Buch mit einer Erzählstimme, die keinen einzigen falschen Ton hat. Seit über sechzig Jahren wird es von Hand zu Hand gereicht.
- Für wen ist „Die Glasglocke“ geeignet?
- Für alle, die gesehen statt getröstet werden wollen. Wer ein Wohlfühlbuch erwartet, sollte die Finger davon lassen.
- Ist „Die Glasglocke“ autobiografisch?
- Der Roman erschien im Januar 1963 unter Pseudonym, wenige Wochen später nahm sich Sylvia Plath das Leben. Lies ihn trotzdem nicht als Dokument, sondern als Roman von enormer Präzision.
- Ist das Buch nur traurig?
- Nein. Esther erzählt trocken, böse und stellenweise richtig komisch; die Neuübersetzung von Reinhard Kaiser holt genau diesen bissigen Witz heraus.
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